Biografie

Herbert Wehner

Der Arbeitersohn und Kommunist zählte zu den führenden Figuren der kommunistischen Widerstandsbewegung gegen den Nationalsozialismus, was ihm leidvolle Erfahrungen aus den eigenen Reihen nicht ersparte. Als langjähriger stellvertretender Partei- und Fraktionsvorsitzender der SPD zählte Herbert Wehner zum politischen Urgestein der Bonner Nachkriegsrepublik. Der große Meister der parlamentarischen Rhetorik trug von 1949 bis 1983 im Deutschen Bundestag maßgeblich zur Stabilisierung der zweiten deutschen Demokratie bei, die er mit seinen verbalen Ausbrüchen und einer einzigartigen Sprachkunst lebhaft mitgestaltete...
Herbert Richard Wehner wurde am 11. Juli 1906 in Dresden als Sohn einer Arbeiterfamilie geboren.

Der Vater war Schuster und ein überzeugter Sozialdemokrat. Da der Vater im Ersten Weltkrieg diente, war Wehner schon früh zu Kinderarbeit gezwungen. Aus der Erfahrung von Armut und seelischer Not heraus entwickelte er eine grundsätzliche Protesthaltung gegen die im Deutschen Kaiserreich bestehenden gesellschaftlichen und politischen Machtverhältnisse.

Nach Ende des Ersten Weltkriegs und der Gründung der Weimarer Republik begann Wehner 1924 eine kaufmännische Lehre. Dann begann er als Kontorist bei Zeiss-Ikon in Dresden zu arbeiten. Bereits zuvor war Wehner Anfang 1923 der Sozialistischen Arbeiterjugend beigetreten, die er jedoch nach wenigen Monaten wieder verlassen hatte, da ihm der orthodoxe Marxismus-Leninismus zunächst nicht zusagte.

Wehner neigte in seiner Jugendzeit vielmehr den libertären Gesellschaftsutopien Michail Alexandrovic Bakunins, Kropotkins und Landauers zu, weshalb er sich einer anarchosyndikalistischen Jugendgruppe in Dresden anschloss. 1926 arbeitete er für den Anarchisten Erich Mühsam in der Redaktion des "Fanal". 1927 trat Wehner in die KPD ein, um dann einen rasanten Aufstieg in jener Partei zu vollziehen. Zum Jahresende 1929 erhob man ihn zum zweiten Sekretär der KPD Sachsen.

Bei den Landtagswahlen vom Sommer 1930 zog er für seine Partei – mit 24 Jahren der jüngste Abgeordnete - in den Dresdener Landtag ein. Wehner wurde im Frühjahr 1931 in die KPD-Zentrale nach Berlin berufen, wo ihn der Parteivorsitzende Ernst Thälmann zum technischen Sekretärs des KPD-Politbüros ernannte. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme durch Adolf Hitler Ende Januar 1933 wurde die KPD aufgelöst und ihre Mitglieder politisch verfolgt und kriminalisiert.

Als Parteisekretär war Wehner in der Folge maßgeblich an der Organisation des kommunistischen Widerstands gegen das Hitler-Regime beteiligt. Wehner stieg im Herbst 1935 in die Führung der Exil-KPD auf und koordinierte ein Jahr später die deutsche Emigration in Paris, die er zu einer gemeinsamen Widerstandsfront zusammenzuschließen versuchte. Auch bei der Rekrutierung deutscher Emigranten für den Spanischen Bürgerkrieg wirkte er mit.

In Prag geriet Wehner ins Gefängnis, von wo er zum Jahresbeginn 1937 nach Moskau abgeschoben wurde. Dort geriet er zunehmend in die Wirren der stalinistischen Säuberungspolitik. Er wurde seitens der Kommunistischen Internationale mehreren Untersuchungen und Prozessen unterzogen. Erst im Winter 1941 konnte Wehner die UdSSR verlassen, von wo er in das neutrale Schweden gelangte. Von Stockholm aus bemühte er sich dann um den Wiederaufbau des kommunistischen Widerstands in Hitler-Deutschland.

Im Jahr 1942 geriet er in der schwedischen Hauptstadt jedoch in Haft, aus der er erst im Sommer 1944 wieder entlassen wurde. Während der zweijährigen Haftzeit stellte Wehner eine ernsthafte Reflexion über seine politischen Erfahrungen in und mit der kommunistischen Bewegung an. Diese Überlegungen flossen in die "Notizen" mit ein, die Wehner 1946 über seine Erlebnisse in Moskau verfasste und die 1982 in seinem autobiographischen "Zeugnis" veröffentlicht wurden.

Im Jahr 1944 heiratete Wehner in zweiter Ehe Charlotte Clausen, die er in schwedischer Haft kennen gelernt hatte und mit der er bis zu ihrem Tod 1979 zusammenblieb. Wehner distanzierte sich in den letzten Kriegsjahren, in denen er in Schweden arbeitete, immer mehr von der KPD, die ihn außerdem Mitte 1942 ausgeschlossen hatte. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland trat er 1946 schließlich in die SPD in Hamburg ein.

Nach Gründung der Bundesrepublik wurde Wehner bei den Bundestagswahlen von 1949 erstmals für die SPD in das westdeutsche Parlament gewählt, in dem er bis 1983 vertreten war. Bis 1966 nahm er dort die Funktion des Vorsitzenden des gesamtdeutschen Ausschusses wahr. In den Jahren 1958 bis 1973 war Wehner auch stellvertretender Parteivorsitzender der SPD, als welcher er neben Parteichef Willy Brandt zur bedeutendsten Führungsfigur der Sozialdemokraten avancierte.

In dieser Funktion war er maßgeblich an der programmatischen Entwicklung der SPD von einer sozialistischen Klassen- zur sozialdemokratischen Volkspartei beteiligt, wie sie im Godesberger Programm von 1959 festgeschrieben worden war. In der Großen Koalition von CDU und SPD, die Wehner maßgeblich mit herbeigeführt hatte, stellte er 1966 bis 1969 unter Bundeskanzler Kurt Kiesinger den Minister für gesamtdeutsche Fragen. In den Jahren 1969 bis 1983 war er in der Nachfolge von Helmut Schmidt Vorsitzender der SPD-Fraktion im Bundestag.

Im Zuge der Guillaume-Affäre vom Frühjahr 1974 geriet das ohnehin gestörte Verhältnis Wehners zu Bundeskanzler Brandt in die offene Krise. Der Fraktionsvorsitzende hatte bedeutenden Einfluss auf die Rücktrittsentscheidung des Bundeskanzlers. Wehner setzte sich schon frühzeitig für die Integration der Bundesrepublik in die westliche Verteidigungs- und Wirtschaftsgemeinschaft ein, wodurch die spätere Kooperation zwischen seiner Partei und der CDU gewiss erleichtert wurde.

Dennoch schenkte Wehner auch der deutschen Frage nachhaltige Aufmerksamkeit, die er im Zuge der Aussöhnung mit den osteuropäischen Nachbarländern und der europäischen Einigung einer Lösung zuführen wollte. Die deutsche Wiedervereinigung stellte für ihn ein zentrales politisches Ziel dar. Sprichwörtlich wurden die rhetorischen Ausfälle des leidenschaftlichen Politikers im Deutschen Bundestag, wo er sich häufig zu groben Äußerungen über den politischen Gegner und sprachlichen Schroffheiten hinreißen ließ.

Dennoch galt Wehner als eine der tragenden Persönlichkeiten der neuen westdeutschen Demokratie, zu deren Stabilisierung in den 1950er und 1960er Jahren er maßgeblich beitrug. Nach dem Bruch der sozialliberalen Koalition unter Helmut Schmidt im Herbst 1982 verzichtete Wehner bei den nachfolgenden Neuwahlen im Frühjahr 1983 auf eine erneute Bundestagskandidatur. 1983 heiratete Wehner in dritter Ehe Greta Burmester.

Die letzten Lebensjahre Wehners wurden von einer Verschlimmerung seiner Zuckerkrankheit und der Alzheimer Krankheit überschattet.

Herbert Wehner starb kurz nach dem Fall der Berliner Mauer am 19. Januar 1990 in Bonn.

NameHerbert Wehner

Geboren am11.07.1906

SternzeichenKrebs 22.06 - 22.07

GeburtsortDresden (D).

Verstorben am19.01.1990

TodesortBonn (D).