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Marcel Reich-Ranicki
Der deutsche Publizist war vor allen Dingen als Autorität in der Literaturkritik hervorgetreten. Er wurde oft als Literaturpapst bezeichnet, dessen Kritiken das Genre maßgeblich mitgeprägt haben. Marcel Reich-Ranicki hatte als Literaturkritiker auch viele Gegner, die nicht nur durch seine Art und Weise im Umgang mit Schriftstellern auf den Plan gerufen worden sind. Ihm wurde oftmals Polemik in der Beurteilung vorgeworfen. Reich-Ranickis Kritiken wurden in einem klaren Stil geschrieben, verständlich, weitestgehend ohne Fremdwörter, ohne Verschnörkelungen und doch reich an Metaphern. Seine Biografie "Mein Leben" wurde 1999/2000 als bestes Sachbuch ausgezeichnet. Als Autor schrieb und veröffentlichte er über 50 Bücher, darunter auch exzellente Essays. Zu seinen Werken zählen unter anderem "Thomas Mann und die Seinen", "Wer schreibt provoziert", "Was halten Sie von Thomas Mann", "In Sachen Böll - Ansichten und Einsichten" und "Romane von gestern - heute gelesen"...
 
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Biografie
Marcel Reich wurde am 2. Juni 1920 als Sohn des jüdischen Kaufmanns Marcel Reich und dessen jüdischer Frau im polnischen Wloclawek an der Weichsel geboren.

Im Jahr 1929 ließ sich die Familie in Berlin nieder. Hier besuchte Marcel Reich-Ranicki das Werner Siemens-Gymnasium. Nachdem es geschlossen wurde, wechselte er ab 1935 auf das Fichte-Gymnasium. 1938 absolvierte er das Abitur. Im gleichen Jahr, am 28. Oktober, wurde er nach Polen abgeschoben. Dort lebte er ab 1940 im Warschauer Ghetto und arbeitete in der Verwaltung als Übersetzer. Er war Mitarbeiter des Untergrundarchivs und beteiligte sich 1943 am Widerstand der Jüdischen Kampforganisation ZOB. Im selben Jahr heiratete er Teofila Langnas, eine Kaufmannstochter aus Lodz. Kurz bevor das Ghetto aufgelöst wurde, konnte sich Reich-Ranicki zusammen mit seiner Frau in den Untergrund absetzen. Nach seiner Befreiung im September 1944 durch das sowjetische Militär, schloss er sich der polnischen Armee an.

Im Jahr 1946 trat er der Kommunistischen Partei bei. Im gleichen Jahr gehörte er zur Polnischen Militärmission in Berlin und im Jahr darauf zum Geheimdienst sowie zum polnischen Außenministerium. In den Jahren 1948 und 1949 wurde er polnischer Konsul in London und hängte seinem eigentlichen Namen Reich den Zusatz Ranicki an. Nach seiner Rückkehr folgte nicht nur die Entlassung aus dem Dienst des Außenministeriums, sondern auch der Ausschluss aus der Kommunistischen Partei. Danach wurde Reich-Ranicki schriftstellerisch tätig. In einem Warschauer Verlag kümmerte er sich zunächst als Lektor um die deutsche Literatur. Dann, ab 1951, war er freier Schriftsteller. Die polnische Obrigkeit verbot ihm, von 1953 bis 1954 Bücher zu veröffentlichen. 1958 siedelte Reich-Ranicki nach Deutschland über und lebte zunächst in Hamburg. In der dortigen Wochenzeitung "Die Zeit" wurde er bekannt als "bissiger" Literaturkritiker.

Im gleichen Jahr nahm er erstmals an einem Treffen der "Gruppe 47", einem demokratischen Zusammenschluss aus Literaten und Publizisten, teil. 1973 wechselte er zur Tageszeitung "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) und wurde Leiter der Redaktion für Literatur und literarisches Leben – bis zu seinem Ruhestand im Jahr 1988. Ab den 1980er Jahren machte er die Literaturkritik durch die Fernsehsendung "Literarisches Quartett" einem breiten Publikum bekannt. Eine große Öffentlichkeit lernte ihn dabei als schonungslose Autorität kennen, die nicht nur mit großem Sachverstand die Literaturwerke beurteilte, sondern oft auch polemisch argumentierte. Dies brachte ihm im Gegenzug viele Gegner ein, darunter den Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass, Martin Walser oder Peter Handke.

Zu seinen meist geschätzten Literaten gehören Thomas Mann und Johann Wolfgang von Goethe. Reich-Ranickis Kritiken wurden in einem klaren Stil geschrieben, verständlich, weitestgehend ohne Fremdwörter, ohne Verschnörkelungen und doch reich an Metaphern. Nicht nur durch die publikumswirksame Fernsehserie, sondern auch schon zuvor hatte sich Marcel Reich-Ranicki zur Institution in der Literaturkritik im In- und Ausland entwickelt. Der mehrfach ausgezeichnete Autor und Literaturwissenschaftler hielt Vorträge und Vorlesungen als Gastprofessor in Europa und in den USA. Marcel Reich-Ranicki gehört zu den Mitbegründern des Ingeborg Bachmann-Preises. Er war Gastprofessor für Neue Deutsche Literatur in Stockholm und Uppsala (1971 und 1975), an der Heinrich Heine-Universität in Düsseldorf (1991 und 1992) sowie 1974 Honorarprofessor in Tübingen.

Im Jahr 1994 kam seine Tätigkeit beim polnischen Geheimdienst an die Öffentlichkeit, die er erst verneinte, dann aber doch zugeben musste. Die Enthüllung seiner dunklen Epoche hat seiner Beliebtheit und Popularität dennoch nichts anhaben können. Zu seinen zahlreichen Auszeichnungen zählen unter anderem die Ehrendoktorwürde der Universitäten in Uppsala, Augsburg, Bamberg und Düsseldorf, der Ricarda-Huch-Preis (1981), der Thomas Mann-Preis (1987), der Bayerische Fernsehpreis (1991), der Ludwig-Börne-Preis (1995) oder die Goldene Kamera (2000). Marcel Reich-Ranicki schrieb und veröffentlichte bis heute über 50 Bücher, darunter auch exzellente Essays. 1999 wurde seine Biografie "Mein Leben" veröffentlicht. Sie wurde nicht nur ein Auflagenschlager, sondern außerdem zum Buch des Jahres 1999/2000 gewählt.

Im Jahr 2001 beendete der Literaturkritiker seine Tätigkeit für die TV-Serie "Das Literarische Quartett" nach 13jähriger Ausstrahlung. Doch auch in der Folge offenbarte sich seine ungebrochene Autorität in der deutschsprachigen Literaturszene, etwa durch die Romanveröffentlichung eines seiner größten Gegner im Jahr 2002: Martin Walsers "Tod eines Kritikers" zeichnet ein mit antisemitischen Stereotypen durchsetztes negatives Bild eines Literaturkritikers, in dem unschwer sein reales Vorbild zu erkennen ist. Die subtilen und skrupellosen Methoden des persönlichen Angriffs gegen Reich-Ranicki scheinen aber mehr den Literaten und nicht seinen Kritiker zu disqualifizieren. Im August 2002 wurde Marcel Reich-Ranicki mit dem "Goethe-Preis" der Stadt Frankfurt am Main bedacht. Eine ZDF-Dokumentation von Diane von Wrede über das bewegte Leben des Literaturkritikers wurde im August 2004 im Fernsehsender ARTE ausgestrahlt.

Im Frühjahr 2005 erschien eine Biografie Reich-Ranickis aus der Feder von Uwe Wittstock. Anlässlich des 200. Todestages von Friedrich Schiller trat das Literarische Quartett mit Reich-Ranicki, Helmut Karasek und Iris Radisch nochmals Ende April 2005 für eine Sondersendung zusammen. Im Vorfeld des 85. Geburtstags Reich-Ranickis wurde Ende Mai 2005 die TV-Dokumentation von Diana von Wrede "Marcel Reich-Ranicki. Mein Leben" im Sender "Phoenix" ausgestrahlt. Zum 85. Geburtstag des Literaturkritikers und Schriftstellers lud die Stadt Frankfurt/Main am 2. Juni 2005 zu einem Empfang in die Paulskirche, wo Reich-Ranicki ausgiebig gefeiert wurde. Der Regisseur und Autor Heinrich Breloer kündigte im August 2005 die Verfilmung der Lebensgeschichte des Literaturkritikers an. 2006 entschied die Humboldt-Universität zu Berlin, Reich-Ranicki die Ehrendoktorwürde zu verleihen. Die Verleihung fand am 16. Februar 2007 statt.

Am 5. Juli 2010 wurde die "Arbeitsstelle Marcel Reich-Ranicki für Literaturkritik in Deutschland" an der Philipps-Universität Marburg eröffnet. Am 29. April 2011 starb seine Frau Teofila im Alter von 91 Jahren. 2011 und 2012 wurde er mit dem "Internationalen Mendelssohn-Preis zu Leipzig" für Gesellschaftliches Engagement sowie dem "Berliner Bär" ausgezeichnet.

Marcel Reich-Ranicki starb am 18. September 2013 in Frankfurt am Main.
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Biografie
Nachname: Reich-Ranicki
Vorname: Marcel
Geburtsdatum: 1920-06-02
Geburtsort: Wloclawek (PL).
Todesdatum: 2013-09-18
Todesort: Frankfurt a.M. (D).
Sternzeichen: Zwillinge 22.05. - 21.06
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