Biografie

Paul Spiegel

Der Lebensweg des westfälischen Journalisten und jüdischen Verbandsfunktionärs wurde geprägt von traumatischen Kindheitserfahrungen unter der nationalsozialistischen Verfolgung. In Kontinuität zu seinen Vorgängern Heinz Galinski und Ignatz Bubis mischt er sich daher seit 2000 als Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland immer wieder kritisch in die gesellschaftlichen und politischen Debatten ein, was angesichts einer um sich greifenden Geschichtsverweigerung nötig wurde. Ab 1991 war Paul Spiegel Mitglied des WDR-Rundfunkrats. Zugleich macht Spiegel durch publizistische Aufklärungsinitiativen über das Judentum auf sich aufmerksam...

Bedeutende Persönlichkeiten aus Religion und Kirche
Paul Spiegel wurde am 31. Dezember 1937 im westfälischen Warendorf geboren.

Nach der Machtergreifung der NSDAP zog die Familie Spiegel zunächst in das benachbartete Warendorf um. Nach der Reichspogromnacht 1938 zog die Familie weiter nach Brüssel. Spiegel überlebte den Holocaust in Flandern, wo er von einer Bauernfamilie versteckt wurde. Zuvor war seine Schwester während einer Razzia in Brüssel verhaftet worden; sie kam in einem Konzentrationslager ums Leben. Sein Vater Hugo Spiegel überlebte die Konzentrationslager Buchenwald, Auschwitz und Dachau. 1945 kehrte die Familie als erste jüdische Familie nach Warendorf zurück. Der Vater baute die Synagogengemeinde wieder auf. Paul Spiegel beendete hier seine Schulausbildung. Die traumatischen Kindheitserlebnisse von nationalsozialistischer Verfolgung und Krieg schärften das politische Bewusstsein des jungen Paul Spiegel frühzeitig.

Die Wiedergeburt jüdischen Lebens im Nachkriegsdeutschland verdankte sich einem besonderen gesellschaftspolitischen Engagement der jüdischen Bevölkerung, deren Mitglieder sich mit einer ausgeprägten jüdischen Identität dennoch als Deutsche kritisch in den Wiederaufbauprozess der Bundesrepublik einbrachten. Ausdruck dieser Bewusstseinslage war das frühzeitige Engagement Spiegels für die jüdische Gemeinschaft. 1958 begann er ein Volontariat bei der "Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung" in Düsseldorf, bei der er anschließend bis 1965 auch als Redakteur arbeitete. Überdies schrieb Spiegel in den 1960er Jahren als Korrespondent für verschiedene Presseorgane, zu denen etwa zählten: Montrealer Nachrichten, Nieuw Israelietisch Weekblad (Amsterdam), Neue Welt (Wien), Jüdische Rundschau Maccabi (Basel), Der Mittag (Düsseldorf), Neue Rhein-Zeitung (Düsseldorf) und Westfälische Rundschau (Düsseldorf).

Im Jahr 1964 heiratete Spiegel Gisèle Spatz, mit der er zwei Töchter hatte. Drei Jahre später wurde er in den jüdischen Gemeinderat in Düsseldorf gewählt. Von 1965 bis 1972 engagierte er sich als Redakteur des jüdischen Pressedienstes und als Assistent des Generalsekretärs des Zentralrats der Juden in Deutschland, der Dachorganisation der jüdischen Gemeinden in der Bundesrepublik. In der Folge war er von 1973 bis 1974 als Chefredakteur der Zeitschrift "Mode & Wohnen" (Düsseldorf) und 1974 bis 1986 als leitender Mitarbeiter für Öffentlichkeitsarbeit des Rheinischen Sparkassen- und Giroverbandes tätig. 1984 berief man Spiegel in den Vorsitz des Gemeinderats der Jüdischen Gemeinde in Düsseldorf. 1986 gründete er eine internationale Künstleragentur, die seinen Namen trug.

Über die Förderung internationaler Künstler hinaus betätigte er sich durch seine Mitgliedschaft im "Verein gegen Vergessen - für Demokratie" und als Vorsitzender der Stiftung "Bürger für Bürger" auch stark im gesellschaftspolitischen Bereich. Von 1989 bis 2000 engagierte sich Spiegel zudem als Vorsitzender der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland. Der anerkannte Journalist trat 1991 in den Rundfunkrat und in den Programmausschuss des WDR ein. Ab 1993 nahm Spiegel im Zentralrat der Juden in Deutschland unter dem Vorsitz von Ignatz Bubis das Amt des Vizepräsidenten wahr. 1995 wurde er zum Vorsitzenden des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden in Nordrhein-Westfalen berufen. Nach dem Tod Bubis` im August 1999 folgte ihm Spiegel 2000 als Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland nach.

Als oberster Repräsentant der jüdischen Bevölkerung in Deutschland tat er sich - ganz in Kontinuität zu seinen Vorgängern Heinz Galinski und Ignatz Bubis - als kritischer Mahner gegenüber den neuerlichen fremdenfeindlichen und antisemitischen Phänomenen im wiedervereinigten Deutschland hervor. Die dabei geäußerte besondere Sensibilität gegenüber unverantwortlichen Umgangsweisen mit der Geschichte veranlasste den Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland im Frühjahr 2002 zu einer unmissverständlichen Stellungnahme in dem durch den FDP-Politiker Jürgen W. Möllemann ausgelösten "Antisemitismus-Streit": Paul Spiegel stellte sich hinter den persönlich angegriffenen Vizepräsidenten des Zentralrats, Michel Friedman, und machte damit deutlich, dass die Ursache des Konflikts nicht in persönlichen Animositäten zwischen beiden Kontrahenten, sondern in einem politisch verantwortungslosen, wahlkampfstrategischen Manöver der FDP zu suchen seien.

Zugleich macht Spiegel durch publizistische Aufklärungsinitiativen über das Judentum auf sich aufmerksam. Als Autor veröffentlichte er die Titel "Shavua Tov! Eine gute Woche! Jüdische Türme aus Schwäbisch Gmünd" (2001), "Wieder zu Hause?" (2003), "Was ist koscher?" (2003), und "Gespräch über Deutschland" (2006). Spiegel erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen (1993), das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse (1997), die Ehrenbürgerschaft der Stadt Warendorf (2000) und den Heinrich-Albertz-Preis (2001).

Paul Spiegel starb am 30. April 2006, nach langer Krankheit, im Alter von 68 Jahren in Düsseldorf.


Bedeutende Persönlichkeiten aus Religion und Kirche
1993
Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen

1997
Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland (Bundesverdienstkreuz 1. Klasse)

2000
Offizier der französischen Ehrenlegion

2001
Heinrich-Albertz-Friedenspreis der Deutschen Arbeiterwohlfahrt

2001
Internationaler Quirinus-Preis (Neuss)

2001
Ehrenbürger seiner Geburtsstadt Warendorf

2002
NRW-Staatspreis

2003
Ehrenvorsitzender der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf

2004
Ehrendoktorwürde der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

NamePaul Spiegel

Geboren am31.12.1937

SternzeichenSteinbock 22.12 - 20.01

GeburtsortWarendorf (D).

Verstorben am30.04.2006

TodesortDüsseldorf (D).