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Ralph Giordano
Der Publizist, Schriftsteller und Regisseur machte als Schüler und Sohn einer jüdischen Mutter unliebsame Erfahrungen mit dem nationalsozialistischen Unrechtsregime, die sein ganzes Lebenswerk prägen. Im Nachkriegsdeutschland betätigte sich Ralph Giordano nach einem vorübergehenden Engagement in der kommunistischen Parteipolitik in Fernsehjournalismus und Publizistik. Durch seine kompromisslose Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus, Faschismus, Stalinismus und Sozialismus avancierte er zu einem kritischen Beobachter und Kommentator der deutschen Zeitgeschichte. 1982 erschien sein Roman "Die Bertinis", an dem Giordano 40 Jahre lang gearbeitet hatte. Hier schilderte er (mit veränderten Namen) seine Erlebnisse zur Zeit des sog. Dritten Reiches; 1988 wurde das erfolgreiche Buch verfilmt...
 
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Biografie
Ralph Giordano wurde am 20. März 1923 in Hamburg als Sohn einer Musikerfamilie geboren.

Der Vater war von Sizilien immigriert. Unmittelbar nach der nationalsozialistischen Machtübernahme durch Adolf Hitler zu Jahres-beginn 1933 wechselte Giordano von der Volksschule auf ein angesehenes Hamburger Gymnasium. Da seine Mutter Jüdin war, sah sich das Kind auf der Oberschule infolge der Nürnberger Rassengesetze von 1935 antisemitischen Repressalien durch Lehrer und Mitschüler ausgesetzt. Mehrere Male wurde Giordano auch von der Gestapo verhaftet und bei den Verhören übel zugerichtet. 1940 musste er das Gymnasium vorzeitig verlassen. In jener Zeit begann Giordano bereits mit den Aufzeichnungen für eine Geschichte seiner Familie, die 1982 in Romanform erscheinen sollte.

Nachdem die Familie im Sommer 1943 infolge eines Bombenangriffs ihre Hamburger Bleibe verloren hatte, wechselte sie vorübergehend nach Bösdorf in die Altmark. Ein Jahr später erfolgte die Rückkehr nach Hamburg. Kurz vor dem Zusammenbruch der nationalsozialistischen Herrschaft drohte der Mutter Giordanos die Deportation. Eine Hamburger Freundin versteckte daraufhin die Familie in einem Keller, was sie vor dem Schlimmsten bewahrte. Nach Kriegsende entschied sich der 22-Jährige für eine Aufklärung der nationalsozialistischen Verbrechen in Hitler-Deutschland zu sorgen. Er trat der sich neu konstituierenden Jüdischen Gemeinde in Hamburg bei. Zugleich engagierte er sich politisch zunächst weit links, indem er 1946 der Hamburger Kommunistischen Partei beitrat und in den folgenden 10 Jahren auch für kommunistische Zeitungen schrieb.

Sogar in der DDR nahm Giordano an einer Schriftstellerschule teil. Allerdings stieß der Stalinismus bei Giordano auf immer größere Kritik, bis er 1957 schließlich aus der KP austrat. 1961 veröffentlichte er das Buch "Die Partei hat immer recht", in dem er mit ungewöhnlicher Selbstkritik sein Engagement in der KP rekapitulierte. Die literarische Abrechnung bescherte Giordano eine erste Aufmerksamkeit in der deutschen Medienöffentlichkeit. Im April 1961 berief man ihn zunächst in die Ost-West-Redaktion des NDR-Fernsehens in Hamburg. Giordano ging dann 1964 zum WDR nach Köln, für den er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1988 tätig war. In diesen mehr als zwei Jahrzehnten drehte er Fernsehdokumentationen über den Nationalsozialismus und Faschismus, aber auch über den Stalinismus.

In seinen 100 Fernsehfilmen thematisierte er als weiteren Schwerpunkt auch die Probleme der Dritten Welt, wobei er als einer der Ersten die deutsche Verstrickung in den Kolonialismus ansprach ("Heia Safari – Die Legende von der deutschen Kolonialidylle in Afrika"). Zum besonderen Stil des Fernsehdokumentaristen gehörte es, über die Darstellung von Einzelschicksalen allgemeine gesellschaftliche Missstände sichtbar zu machen. Mit seinem Buch "Die Spur" legte Giordano 1984 eine Bilanz seiner Fernseharbeit vor. Giordano veröffentlichte 1982 den Roman "Die Bertinis", der die Verfolgung einer Familie im Nationalsozialismus schildert und die 40-jährige literarische Auseinandersetzung des Autors mit seiner eigenen Familiengeschichte darstellte.

Der deutsche und internationale Bucherfolg (Übersetzungen ins Dänische, Schwedische, Norwegische, Finnische, Französische und Hebräische) zog eine Verfilmung als fünfteilige ZDF-Serie nach sich, die ein breites Fernsehpublikum auch in Israel fand. Als eher politische Beschäftigung mit seiner und der deutschen Geschichte veröffentlichte Giordano 1987 das Buch "Die zweite Schuld oder Von der Last Deutscher zu sein", das sich mit der Verdrängung des Nationalsozialismus im Nachkriegsdeutschland beschäftigt. Der Publizist und Schriftsteller zeigte sich allerdings nicht nur um die jüngere deutsche Vergangenheit bemüht, sondern auch an zeitpolitischen Vorgängen interessiert. Im Zuge des Aufkommens einer neuen rechtsextremistischen Jugendbewegung im vereinigten Deutschland der 1990er Jahre wandte sich Giordano wiederholt mahnend an die Öffentlichkeit.

Sein politisches Engagement ließ Giordano selbst zur Zielscheibe rechtsextremistischer Gewalt werden: Er erhielt innerhalb eines Jahres mehr als 200 Morddrohungen. Als er jedoch 1992 in einem offenen Brief gegenüber Bundeskanzler Helmut Kohl wirksamere staatliche Gegenmaßnahmen einklagte, erntete er nur Zurückweisung. Wegen mangelnder Aufarbeitung der Stasi-Vergangenheit der ostdeutschen PEN-Mitglieder im Zuge der Fusion von west- mit ostdeutschem PEN trat Giordano im Frühjahr 1997 aus der Vereinigung der Schriftsteller aus. Auch nach dem rot-grünen Regierungswechsel vom September 1998 hatte Giordano Anlass zu kritischer Wortmeldung.

Im Frühjahr 2002 protestierte er in einem offenen Brief an Bundeskanzler Gerhard Schröder und den Schriftsteller Martin Walser gegen die geschichtsverfälschenden Äußerungen Walsers, der als offizieller Redner zum Jahrestag des Kriegsendes in der Berliner SPD-Zentrale zugelassen worden war. Giordano wurde mit zahlreichen Medienpreisen wie dem Grimme-Fernsehpreis (1968/69) geehrt. 1990 erhielt er den Heinz-Galinski-Preis und das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse. Seit demselben Jahr ist er Ehrendoktor der Universität Kassel und seit 1992 Träger des nordrhein-westfälischen Verdienstordens. 2001 wurde der Publizist mit dem Hermann-Sinsheimer-Preis für Literatur und Publizistik ausgezeichnet. Im September 2003 erhielt er den Leo-Baeck-Preis.

Als literarisches Produkt einer Reise in die Heimat seines Vaters, auf der er die Wurzeln sei-ner eigenen Herkunft kennen lernte, publizierte Giordano 2002 das Buch "Sizilien, Sizilien! Eine Heimkehr". Für eine ARD-Dokumentation, mit der Giordano 1986 über den Völkermord an den Armeniern im Jahre 1915 im früheren Osmanischen Reich berichtet hatte, wird der Journalist im Oktober 2004 seitens der Armenischen Apostolischen Kirche mit dem Surp Sahak-Surp Mesrop Orden ausgezeichnet.

Giordano war von 1913 bis 1984 mit Helga in erster, mit Tanja von 1987 bis 1988 in zweiter und ab 1994 in dritter Ehe mit Roswitha Everhan verheiratet, die 2002 verstarb. Er lebt in Köln.
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Biografie
Werksverzeichnis
Nachname: Giordano
Vorname: Ralph
Geburtsdatum: 1923-03-20
Geburtsort: Hamburg (D).
Sternzeichen: Fische 20.02 - 20.03
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