Biografie

Radovan Karadzic

Der serbische Arzt und Politiker stellte als Führer der serbischen Volksgruppe (Anteil ca. 30%) im durch den Krieg erschütterten Bosnien-Herzegowina von 1991 bis 1995 den Präsident der Republika Srpska. Zunächst als Psychiater und Lyriker tätig, gründete er 1990 die nationalistische Serbische Demokratische Partei (SDS). In Verbundenheit mit Slobodan Milosevic verfolgte er das Ziel eines großserbischen Reiches. Die von Radovan Karadzic geführten Serben erhielten mit dem in Dayton, Ohio, ausgehandelten Friedensvertrag ein eigenes Gebiet in Bosnien-Herzegowina; die eroberte Stadt Sarajevo traten sie indes ab. 1995 wurde Karadzic vom Kriegsverbrechertribunal in Den Haag wegen Völkermordes angeklagt, worauf er sich bis 2008 einer Verhandlung durch Flucht entzog...
Radovan Karadzic wurde am 19. Juni 1945 in Petnjica, Gemeinde Šavnik/Montenegro geboren.

Mit seinen Eltern und Geschwistern zog er als 15-Jähriger 1960 nach Sarajevo. Dort beendete er die Hochschule mit Abschluss, um darauf das Studium der Medizin aufzunehmen. 1971 legte er seine Promotion ab, worauf er als Psychiater im Krankenhaus von Sarajevo tätig wurde. Die Jahre 1974/75 verbrachte er, nach Weiterbildungsaufenthalten in Zagreb und Belgrad, auch mit einem Postgraduate-Studienjahr an der Columbia University, New York. Nach seiner Rückkehr gründete er eine eigene Praxis in Pale. Dort spezialisierte er sich auf Gruppentherapie und Gruppenanalyse in seinem Fachgebiet Neurosen und Depressionen. Seine Ehefrau Ljiljana wurde ebenfalls Psychiaterin.

Indes begann er, Kindergedichte zu schreiben und im Stil serbischer Volksmusik zu komponieren. Von 1968 bis 1990 veröffentlichte er vier Gedichtbände, wobei bereits der erste, Ludo koplje (deutsch: Verrückte Lanze), vom Kampfgeist der Serben handelt. Nach der Ausrufung der Unabhängigkeit Bosnien-Herzegowinas (3. März 1992), brachen in Bosnien erste Kämpfe aus. Am 1. April zog die von Karadzic 1990 gegründete SDS auf seine Anweisung ihre Mitarbeiter aus dem Innenministerium von Bosnien-Herzegowina zurück, konzentrierte ihre Macht in Pale und begann den offenen Kampf gegen bosnische Bevölkerungsgruppen. Er selbst avancierte dabei zum Führer der serbischen Volksgruppe (Anteil ca. 30%) in Bosnien-Herzegowina.

Unter Ausnutzung der auch zwischen den bosnischen Kroaten und Bosniaken bestehenden Spannungen, traf sich Karadzic am 6. Mai 1992 mit Mate Boban, dem Führer der bosnisch-herzegowinischen Kroaten, in Graz. Die Gespräche über die Aufteilung Bosnien-Herzegowinas wurden aber, auch auf internationalen Druck hin, nicht erfolgreich abgeschlossen. In Verbundenheit mit dem serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic verfolgte er das Ziel eines großserbischen Reiches. Bis zum Dezember 1992 gelang es den bosnischen Serben unter Karadzics Führung und der militärischen Leitung von Ratko Mladiæ mit Unterstützung Serbiens 70 Prozent des Gebiets von Bosnien-Herzegowina unter ihre Kontrolle zu bringen sowie die Hauptstadt Sarajevo permanent zu belagern.

Karadzic wurde indes beschuldigt, die dabei vorgenommenen sogenannten "ethnischen Säuberungen" und Übergriffe auf bosniakische und kroatische Zivilisten geplant und befohlen zu haben. In den beiden folgenden Jahren kam es zu keiner wesentlichen Veränderung der Situation. Zwar gab es einige internationale Bemühungen, zu einer Friedenslösung zu kommen, und es wurden UN-Schutzzonen für eingekesselte Städte wie Srebrenica und Gorazde eingerichtet. Aber besonders die Maximalforderungen der bosnischen Serben unter Karadzic verhinderten den Abschluss eines Friedensvertrages. Im Mai gelang es Kroatien mit westlicher Unterstützung, große Teile des bis dahin von Serben gehaltenen Gebiets West-Slawonien unter seine Kontrolle zu bringen. Daraufhin begannen die bosnischen Serben, UN-Soldaten der UNPROFOR-Einheiten als Geiseln zu nehmen (zeitweise über 300).

Auf Befehl Karadzics wurde am 11. Juli 1995 die UN-Schutzzone Srebrenica mit über 40.000 bosnischen Flüchtlingen von serbischen Truppen ohne Widerstand der niederländischen UN-Truppen eingenommen. Während Frauen und Kinder in Richtung Tuzla vertrieben wurden, wurde der größte Teil der männlichen Bevölkerung von rund 6.975 Bosniaken im "Massaker von Srebrenica" ermordet. Am 20. Juli erlitt die Stadt Zepa ein ähnliches Schicksal, hier wurden alle Einwohner vertrieben. Die trotz der Einnahme der Stadt schwieriger werdende militärische Lage führte nun zu einem Machtkampf zwischen Karadzic und seinem General Mladiæ. Am 23. August 1995 forderte Karadzic als Basis für neue Friedensverhandlungen 63 Prozent des Gebiets von Bosnien-Herzegowina für die Serben.

Aufgrund der zunehmenden Landgewinne der kroatischen, aber auch der bosnischen Truppen, musste Karadzic schließlich hinnehmen, dass die weiteren Friedensverhandlungen nicht mit ihm, sondern direkt mit den Präsidenten Bosnien-Herzegowinas, Serbiens und Kroatiens, Izetbegoviæ, Milosevic und Tuðman, geführt wurden. Diese wurden am 21. November in Dayton, Ohio, abgeschlossen. Darin wurde festgelegt, dass die nun sogenannte Entität der Republika Srpska 49 % des Territoriums Bosnien-Herzegowinas ausmacht und zwischenzeitlich von den Serben gehaltene Gebiete, so zum Beispiel Ilidza und Sarajevo-Grbavica, nahezu die Hälfte des geteilten Sarajevo, die bis dahin von bosnischen Serben bewohnt wurden, an die Bosniakisch-Kroatische Föderation abgegeben werden müssen.

Karadzic organisierte daraufhin noch ein Referendum in diesen Orten, das zwar nahezu 100-prozentige Ablehnung der Übergabe ergab, schließlich konnte aber auch das die Unterzeichnung des Dayton-Vertrags am 14. Dezember 1995 in Paris und damit das Ende des Bosnienkrieges nicht mehr verhindern. Am 20. Februar 1996 ordnete schließlich Karadzic die Räumung dieser Orte an, der die meisten der noch verbliebenen 80.000 Einwohner auch Folge leisteten. Auf anhaltenden internationalen Druck hin musste Karadzic am 30. Juni 1996 als Präsident der Republika Srpska abtreten. Neue Präsidentin wurde Biljana Plavšiæ, die später vom UN-Kriegsverbrechertribunal verurteilt wurde. Am 11. Juli 1996 erließ das Internationale Kriegsverbrechertribunal in Den Haag einen Haftbefehl gegen Karadzic.

Nachdem die OSZE die Verantwortung für die Einhaltung des Dayton-Abkommens übernommen hatte, drohte sie, die SDS nicht zu den bevorstehenden Wahlen zuzulassen. Darauf musste Karadzic am 19. Juli den Vorsitz der SDS abgeben. Karadzic entzog sich einer möglichen Verhaftung durch Flucht. Erst am 21. Juli 2008 verkündete das serbische Präsidialamt die Festnahme Karadzics in Serbien. Nach Angaben serbischer Ermittler habe er vor seiner Festnahme unter falscher Identität und mit stark verändertem äußerem Erscheinungsbild alias Dragan Dabic unbehelligt in Belgrad gelebt und in einer Arztpraxis als Heilpraktiker gearbeitet. Am 30. Juli 2008 wurde er im Scheveninger Gefängnistrakt des Internationalen Strafgerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag inhaftiert.

Am 31. Juli 2008 erfolgte die erste Einvernahme vor dem Haager Tribunal, zu der Karadzic auf eigenen Wunsch ohne Strafverteidiger erschien.

NameRadovan Karadzic

Geboren am19.06.1945

GeburtsortPetnjica, Gemeinde (Šavnik/Montenegro)