Biografie

Pier Paolo Pasolini

Der italienische Dichter, Schriftsteller und Filmregisseur kommentierte mit seinem Werk auf kritische Weise den radikalen Wandel der italienischen Gesellschaft in den ersten drei Nachkriegsjahrzehnten. Mit seinen Gedichten, Romanen und Filmen nahm Pasolini auf unbestechliche Weise zu den Problemen seiner Zeit Stellung. Trotz intellektueller Einsamkeit und existentieller Ausgrenzung verstand er es dabei, den Dialog mit der italienischen Gesellschaft immer aufrechtzuerhalten. Pasolini thematisierte dabei den den Verfall der gesellschaftlichen Strukturen, wie er ihn in der italienischen Gesellschaft der 1960er und 1970er Jahre beobachten konnte. Hauptmerkmal dieses Verfallsprozesses sei das Verschwinden der Kultur des Volkes als Grundlage des gesellschaftlichen Fortschritts und das davon induzierte Fehlen von Werten und Inhalten des menschlichen Zusammenlebens...
Pier Paolo Pasolini wurde am 5. März 1922 in Bologna als Sohn eines Offiziers und einer friaulischen Bauerntochter geboren.

Nach der Kindheit in verschiedenen Provinzstädten Venetiens und der Poebene, in die der Vater jeweils versetzt worden war, absolvierte Pier Paolo das Gymnasium in Bologna. In der emilianischen Hauptstadt begann er auch, Literatur und Kunstgeschichte zu studieren und einen literarisch und künstlerisch interessierten Freundeskreis um sich zu scharen. In diesem Umfeld rief er 1942/43 die Jugendkulturzeitschrift "Il Setaccio" ins Leben und schuf er seine erste, im friaulischen Dialekt der Mutter verfasste Dichtung. Im Sommer 1943 zog sich die Familie nach dem Kriegseinzug des Vaters und der Bombardierung Bolognas nach Casarsa zurück.

Während der nationalsozialistischen Besatzung entwickelte Pasolini das Konzept seiner Dialektliteratur, das von der emanzipatorischen Wirkung des Dialektgebrauchs ausging, der den regionalen Bevölkerungsgruppen ihr Selbstbewusstsein gegenüber dem nationalen Geltungsanspruch der offiziellen Institutionen zurückgeben und sie somit am Staatswesen teilhaben lassen sollte. Während der Vater in englische Kriegsgefangenschaft in Kenia geriet, wurde Pasolinis Bruder Guido 1945 als kommunistischer Partisanenkämpfer getötet. Bei Kriegsende beendete Pasolini sein Studium mit dem Doktorgrad und begann nun, sich der Kommunistischen Partei Italiens anzunähern, in die er 1947 eintrat. Indessen war Pasolini in Udine als Sekretär einer kommunistischen Parteisektion und als Literaturlehrer in der Mittelschule tätig.

Außerdem schrieb er literarische und politische Artikel für die Lokalpresse. Er verfasste die Texte für seinen ersten Roman, der aus dem Arbeitsalltag friaulischer Tagelöhner seine Inspiration zog und 1962 unter dem Titel "Il sogno di una cosa" publiziert werden sollte. Im Oktober 1949 erfuhr das politische und kulturelle Engagement Pasolinis eine abrupte Unterbrechung, als er eine Anzeige wegen gleichgeschlechtlicher Verführung Minderjähriger erhielt. Die Kommunistische Partei schloss ihn aus ihrer Organisation aus, und das Schulamt von Udine suspendierte ihn vom Dienst. Im Dezember desselben Jahres wechselte Pasolini mit der Mutter nach Rom. Trotz eines Lebens in äußerster Armut förderte die neue Lebensumwelt Pasolinis in den Barackenvorstädten, den "borgate", Roms seine literarische Kreativität auf entscheidende Weise.

Unter dem Einfluss dieser sozialen Wirklichkeit und dem vorherrschenden Kunststil des Neorealismo entstanden die ersten beiden erfolgreichen Romane Pasolinis: "Ragazzi di vita" (1955) und "Una vita violenta" (1959) hatten das Milieu sozial randständiger Jugendlicher zum Gegenstand und machten Pasolini erstmals zum Protagonisten des italienischen Kulturlebens. Eine gerichtlich verfolgte Pornographie-Anklage gegen den Autor der "Ragazzi di vita" steigerte die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit nur noch mehr. Nach diesem literarischen Durchbruch ergänzte Pasolini seine schriftstellerische Tätigkeit durch Literaturkritiken. 1957 rückte zusätzlich der Film ins Zentrum seines Schaffens: Bis 1961 verfasste er 11 Drehbücher. Als politischer Schriftsteller übte er nach der sowjetischen Militärintervention in Ungarn von 1956 zunehmend Kritik an der ideologischen Unbeweglichkeit der Kommunistischen Partei Italiens.

Im Jahr 1961 debütierte Pasolini als Filmregisseur mit "Accattone", einem Film, der abermals das Thema städtischer Randgruppen aufgriff und tragisch inszenierte. In den folgenden Jahren absorbierte das Kino fast seine gesamte Schaffenskraft, die sich erneut der römischen Lebenswelt zuwandte ("Mamma Roma", 1962; "La ricotta", 1963). Filme wie "Il Vangelo secondo Matteo" (1964) und "Uccellacci e uccellini" (1966) propagierten eine einzigartige Verbindung christlicher und marxistisch-sozialer Moralvorstellungen. Durch sie zog Pasolini zwar die permanente Kritik seitens des katholischen Italien auf sich, zugleich gelang es ihm jedoch durch sein intensives journalistisches Engagement trotz aller ihm entgegengebrachten Ablehnung in ständigem Dialog zur italienischen Gesellschaft zu bleiben.

Die um 1968 entstandenen Filme Pasolinis nahmen auf indirekte Weise, in symbolisch-sakralen Mythenerzählungen auf die Probleme des Generationenkonflikts und des Reformwillens der jungen Generation Bezug. In seinen politisch-journalistischen Schriften jener Jahre nahm er sowohl gegen das bürgerliche Aufbegehren der 68er Bewegung als auch gegen die christdemokratische Führungsklasse Italiens Stellung. Gegenüber den politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen seiner Zeit, der sexuellen Liberalisierung und zunehmenden Kommerzialisierung der Gesellschaft, blieb Pasolini auf kritischer Distanz. Ein prinzipieller Argwohn gegenüber den potentiellen Auswüchsen der bürgerlichen Gesellschaft trieb ihn in eine Art intellektuelle Einsamkeit, die in dem skandalträchtigen Film "Salò o Le 120 giornate di Sodoma" (1975) ihren höchsten und verzweifelten Ausdruck fand.

Die "120 Tage von Sodom" blieb der letzte Film des Schriftstellers und Regisseurs. Denn kurz darauf wurde Pier Paolo Pasolini am Strand von Ostia bei Rom von einem Strichjungen ermordet: In der Nacht vom 1. auf den 2. November 1975 fiel er einem jener "ragazzi di vita" zum Opfer, denen er in seinen Schriften und Filmen ein passioniertes Denkmal gesetzt hatte. Der 16-jährige Strichjunge Pino Pelosi wurde nach der Tat zu einer milden Strafe verurteilt. 30 Jahre nach der Ermordung Pasolinis verkündete jedoch Pelosi im Mai 2005 in einer italienischen Fernsehsendung seine Unschuld, wobei er auf vier andere Täter verwies. Damit erhielt die Vermutung der italienischen Linken, ein neofaschistischer Komplott sei für den gewaltsamen Tod des unbequemen Intellektuellen verantwortlich gewesen, erneut neue Nahrung.

NamePier Paolo Pasolini

Geboren am05.03.1922

SternzeichenSkorpion 24.10 - 22.11

GeburtsortBologna (I).

Verstorben am02.11.1975

TodesortOstia, Rom (I).