Biografie

Beate Uhse

Die ostpreußische Gutsbesitzertochter und leidenschaftliche Pilotin avancierte in der unmittelbaren Nachkriegszeit zur Pionierin der sexuellen Aufklärung. Mit ihren Produkten und Fachgeschäften "für Ehehygiene" gründete Beate Uhse nicht nur den ersten und weltweit einzigartigen Erotik-Konzern - vielmehr trug sie als "Unternehmerin der Lust" und "Aufklärerin der Nation" maßgeblich und für über fünf Jahrzehnte zur Emanzipation der Geschlechter und zur Reform der Sitten in der bundesdeutschen Gesellschaft bei. Dies brachte ihr aber auch eine langjährige Auseinandersetzung mit der Frauenbewegung ein...

Menschen und Marken
Beate Köstlin wurde am 25. Oktober 1919 im ehemals ostpreußischen Landkreis Cranz (heute: Selenogradsk, Polen) als Tochter einer Ärztin und eines Gutsbesitzers geboren.

Sie verbrachte ihre Kindheit und Jugend auf dem Land. 1936 ließ sie sich in Berlin zur Pilotin ausbilden. Neben ihrer Leidenschaft für das Fliegen legte sie schon in dieser Zeit starke Emanzipationsbestrebungen und eine ausgesprochene Widerspenstigkeit gegen gesellschaftliche Konventionen an den Tag. Als Pilotin beteiligte sie sich zunächst an Übungen der deutschen Luftwaffe. Auch war sie als "Einfliegerin" am Test fabrikneuer Maschinen der Flugzeugwerke Friedrich in Strausberg tätig. 1939 heiratete Köstlin ihren Fluglehrer Hans-Jürgen Uhse, dessen Namen sie fortan trug und mit dem sie ein Kind hatte, das 1984 einem Krebsleiden erlag. Während des Zweiten Weltkriegs überführte Uhse Jagdbomber an die Front.

Ein Jahr vor Kriegsende überlebte sie ein schweres Flugzeugunglück, während ihr Mann dem Krieg zum Opfer fiel. Nach Kriegsende und britischer Gefangenschaft hielt sich die alleinerziehende Witwe als Landarbeiterin und Handelsreisende in Schleswig-Holstein über Wasser. Aufgrund ihrer zahlreichen Kundenkontakte zur Landbevölkerung entwickelte sie bald ein besonderes Gespür für die privaten Probleme der Landfrauen. Nachdem Uhse zunächst kostenlose Aufklärungsbroschüren erstellt und verteilt hatte, startete sie 1946 in Flensburg ihre erste kommerzielle Aufklärungskampagne, die den Grundstein zu ihrem späteren unternehmerischen Handeln legte: Die engagierte Aufklärerin vertrieb zu 2 Reichsmark - eine Zigarette war für 9 Reichsmark zu haben - die "Schrift X", die 1947 bereits 32.000 Verkaufsexemplare erreichte. Sie beriet darin die Frauen in Verhütungsmethoden, die vor allem auf der Berechnung der unfruchtbaren Tage beruhten.

Der von ihr verfasste Leitfaden zur Empfängnisverhütung stieß in den Nachkriegsjahren auf eine große Nachfrage bei den jungen Paaren, da es unter ihnen zahlreiche ungewollte Schwangerschaften gab. 1949 heiratete Uhse den Flensburger Kaufmann Ernst-Walter Rotermund, mit dem sie ein weiteres Kind bekam und von dem sie sich 1972 wieder trennte. 1950 ließ sie das "Versandhaus Beate Uhse" in das Flensburger Handelsregister eintragen. In den 1950er Jahren baute Uhse ihren kleinen Versand durch die Erweiterung der Produktpalette zu einem florierenden Handelsunternehmen aus. Der Erfolg beruhte auf der Geschäftsidee, erotische Handelsartikel durch solide Aufklärung und diskrete Versandbedingungen aus der Tabu-Zone herauszuholen und für den allgemeinen Markt zu erschließen. Indem Uhse ihre "Produkte für Ehehygiene" von Anfang an unter ihrem eigenen Namen anbot, verlieh sie dem Versandverkauf eine persönliche und seriöse Note, die das Kundenvertrauen förderte.

Dies schlug sich auch in den zahlreichen Zuschriften nieder, die das Versandhaus seitdem erreichten und deren Fragen zu Liebe, Erotik und Sexualität Uhse zunächst noch selbst beantwortete, bevor sie dies einem Arzt überließ. Der Versand von Präservativen an unverheiratete Paare kollidierte jedoch bald auch mit dem geltenden Sittengesetz der 1950er Jahre, das auf der Grundlage des seit 1919 geltenden § 184 des Strafgesetzbuches außerehelichen Geschlechtsverkehr und auch die Beihilfe dazu unter Strafe stellte. Uhses Unternehmen hatte jahrzehntelang mit Ermittlungen der Staatsanwaltschaft, Hausdurchsuchungen und Publikationsverboten für seine Kataloge zu kämpfen, bis die Strafrechtsbestimmung 1975 liberalisiert wurde. Gegen die Proteste aus Politik und Kirche setzte sich Uhse für eine Liberalisierung der Sittenvorschriften in Deutschland ein. Trotz aller Widerstände erreichte der Umsatz des Versandhauses 1956 den Umfang von einer Million DM.

Im Jahr 1962 gründete die umtriebige Unternehmerin mit ihrem "Fachgeschäft für Ehehygiene" in Flensburg den ersten Sex-Shop der Welt. Die Nachfrage nach Sexartikeln war so groß, dass sich daraus in rasanter Weise eine Ladenkette entwickelte. Nach der Scheidung von Rotermund verband sich Uhse 1972 mit John Holland. 1974 firmierte ihr Betrieb als GmbH & Co. KG. Aus dem Einzelgeschäft für Sexprodukte wurde 1978 ein Konzern. Uhse bemühte sich immer wieder um neue Geschäftsideen und Angebote. 1978 kam ein Filmverleih hinzu. Die Unternehmerin übernahm andere kleinere Mitanbieter auf dem Markt und ihr Unternehmen wuchs weiter. 1981 wurde der Konzern eine Aktiengesellschaft, die bereits 12 eigene "Blue Movie"-Kinos betrieb und sich im Bereich der Pornofilmindustrie als Marktführerin behauptete. Insbesondere hier stieß das Wirken Uhses inzwischen aber auch auf die vehemente Kritik der Frauenbewegung, welche die pornographische Industrie wegen ihrer sexistischen und frauenverachtenden Tendenzen angriff.

Das Versandgeschäft Uhses expandierte dennoch zum größten seiner Art. Nach dem Fall der Mauer 1989 schossen ihre Läden in den neuen Bundesländern wie Pilze aus dem Boden. In den 1990er Jahren wurden besonders Funk und Fernsehen auf die agile Geschäftsfrau aufmerksam, die sich 1992 aus der unmittelbaren Geschäftsführung zurückzog, um nur noch im Aufsichtsrat des Unternehmens vertreten zu sein. 1996 feierte Uhse ihr 50jähriges Geschäftsjubiläum. Im selben Jahr wurde das "Beate-Uhse-Erotik-Museum" in Berlin eröffnet. Man würdigte nicht nur Uhses Leistungen im kommerziellen Bereich, sondern vor allen Dingen auch ihren Beitrag zur sexuellen Aufklärung in der deutschen Gesellschaft der Nachkriegszeit. 1999 wurde sie mit der Errichtung einer öffentlichen Gedenktafel in Flensburg geehrt. Mit einem eigens geschaffenen Beate-Uhse-Unternehmerinnen-Preis sollten Frauen ausgezeichnet werden, die im Geschäftsleben Mut, Durchsetzungskraft, Kreativität, Geschäftssinn, soziales Engagement und Führungspersönlichkeit bewiesen haben.

Indes hatte Uhses Unternehmen auch mit der Entwicklung neuester Techniken schrittgehalten, so dass die erotischen Artikel zunehmend auch Verbreitung über Telefon, BTX und Internet fanden. Mit der Expansion der neuen Medien wurden auch die Internetaktivitäten der Firma ausgeweitet. Für diesen Geschäftszweig wurde die Unternehmensgruppe "Aktuelle Information" (AI) übernommen. Sämtliche Internetauftritte wurden auf die Kundenbedürfnisse ausgerichtet und entsprechend gestaltet. Doch auch international expandierte das Unternehmen. Es gründete weitere Firmenzweige und Gesellschaften, wie zum Beispiel in Skandinavien. Das Verlagsgeschäft wurde auf Schweden, Dänemark und Finnland ausgedehnt. In den Niederlanden wurden Mehrheitspakete von anderen Erotikanbietern erworben. 1999 ging die Firma an die Börse.

Beate Uhse starb am 16. Juli 2001 an den Folgen einer Lungenentzündung in einem Schweizer Krankenhaus.


Menschen und Marken

NameBeate Uhse

Geboren am25.10.1919

SternzeichenSkorpion 24.10 - 22.11

GeburtsortCranz (Ostpreußen/Polen)

Verstorben am16.07.2001

TodesortSt. Gallen (CH).